Kutterfahrt 2004 - Ein Erlebnisbericht von Frank Diener

Endlich zeichnete sich unter uns der Sandboden ab. Das Senkblei, das Fred auf Signal des Bootsführers über die Bordwand geschleudert hatte, lag dicht beim Wrack. Zu Kaisers Zeiten war es wahrscheinlich ein Feuerschiff. Aber so genau wisse das niemand. „Über das Wrack existieren keine Aufzeichnungen“, teilt der Skipper auf Nachfrage beim Briefing mit.

Ruhig war es hier ca. 16 m unter dem extra für Tauchausfahrten umgebauten ehemaligem Boot der Wasserschutzpolizei, das nun dem Fördetaucher e.V. als Tauchschiff dient. Nur der immer währende Wechsel zwischen hell und dunkel erinnerte meinen Tauchpartner Roger und mich daran, dass an der Oberfläche ½ m hohe Wellen das Boot und auch uns auf dem kurzen Weg vom Tauchboot zur Abstiegsboje durchgeschüttelt hatten und sich immer wieder schwere Regenwolken vor die Sonne schoben.

Neptun war uns trotz „Opfergabe“ (einen großen Schluck aus der Bierflasche kurz nach Fahrtbeginn durch den Kapitän) nicht gewogen. Windstärke 4-5, dazu Regenschauer, dass man bereits beim Verladen der Ausrüstung nass bis auf die Knochen wurde, wechselten sich mit kurzen trockenen Phasen ab. Ein Wetter also, dass nicht gerade zu Bootstouren einlädt.

„Wracktauchen in der Ostsee kann nun mal kabbelig werden! Das Wetter kann sich hier innerhalb eines Tauchganges von Sonnenschein und Ententeich in Sturm bis Windstärke 10 und mehr ändern!“, erzählt der Skipper breit grinsend, während er zielsicher auch den Anker neben dem Wrack positionierte.

Langsam schob sich Roger an mir vorbei und umrundet kurz vor mir den Bug, der voll mit Seenelken und Muscheln bewachsen ist. Der Sandgrund um die Wracktrümmer ist übersät mit Seesternen. Im Wasser schweben Quallen an uns vorbei, wobei wir insbesondere den Tentakeln der Feuerqualle geschickt auswichen. Schließlich wollten wir uns nicht an den Nesseln „verbrennen“!

Nachdem wir den Bug ausführlich inspiziert hatten, schwammen wir langsam an einem Gestell, das mehrere Meter gen Oberfläche ragt, entlang. Dieses Gestell muss früher der in der Mitte des Feuerschiffes gelegene Leuchtturm gewesen sein. Hier trafen wir auf die zweite und dritte Gruppe, die gerade die Reste des Hecks, das ein paar Meter vom eigentlichem Schiffskörper entfernt liegt, in Augenschein nahmen. Ein kurzes OK-Zeichen und weiter ging es entlang der schön bewachsenen Bordwand. Zwischen den drei Hauptteilen des Wracks liegen verstreut weitere Trümmerteile, unter denen sich bei näherem Inaugenscheinnahme Krebse und anderes Getier tummelte.

Leider nagt der Zahn der Zeit am Wrack. Das Seewasser und die teilweise stürmische See fordert ihren Tribut und das einstmals stolze Schiff zerfällt langsam in seine Bestandteile.

Nach 45 min war es so weit: auftauchen. Diesmal nicht an der Boje, sondern an der Ankerkette. Hier konnten wir bequem den Sicherheitsstop auf 5 m machen; na ja, so bequem eben, wie es Windstärke 5 an der Oberfläche zulässt!

Die Oberflächenpause konnten wir leider nicht wie geplant an der Mole des Kieler Leuchtturmes verbringen. Der Wellengang machte ein Anlegen unmöglich. Leider insbesondere, weil uns dadurch eine Führung bis in den Lampenkopf des Leuchtturmes entgangen ist. Aber, so versprach der Bootsführer, dies könne bei der nächsten Tour ja nachgeholt werden!

Ca. 2 Stunden später machten sich Fred und Heike mit mir zum Tauchen bereit. Roger, der nur einen halbtrockenen Anzug mitgebracht hatte, machte das gerade mal 8°C „warme“ Wasser zu schaffen und verzichtete daher, wie auch einige weitere Tauchgäste, auf den zweiten Tauchgang.

Wir nutzten eine kurze Regenpause und ab ging es wieder entlang des Bojenseils in die Tiefe. Diesmal hatten wir noch mehr Glück: Fred hatte das Senkblei direkt in den Laderaum des in den letzten Kriegsjahren des zweiten Weltkrieges versenkten Küstenfrachters geworfen.

Links überragten uns die Querspanten des imposanten Schiffes wie die Rippen eines urzeitlichen Wales riesigen Ausmaßes. Auch dieses Wrack ist über und über mit Seenelken und Muscheln bewachsen. Nach einer genauen Inspektion des Laderaumes, aus dem Fred und ich mit vereinten Kräften unseren Anker befreiten, der sich zwischen zwei Spannten verkeilt hatte, tauchten wir langsam entlang der äußeren Bordwand. Beim Hineinleuchten in die unzähligen Ecken, Winkel und Löcher wurde dabei so mancher im Wrack lebende Fisch aufgescheucht. Und das hier fiel Fisch zu finden ist, bezeugen die unzähligen Angelhaken und Blinker, die überall herumlagen bzw. noch an Resten der Angelschnüre hingen.

Doch auch hier begrenzt der Luftvorrat die Tauchzeit und nach ca. 40 min geht es in ca.20 m Tiefe widerwillig Richtung Ankerseil.

Die Oberfläche empfing uns zwar wieder mit hohen Wellen, aber wenigstens hatte Neptun ein Einsehen und anstelle des Regens schien die Sonne. Wieder an Bord und kaum der Ausrüstung entledigt, setzten wir auch schon Kurs Richtung Heimathafen. Das Abrüsten des Bootes ging dann auch bei Sonnenschein doppelt so schnell... oder lag das vielleicht an der Aussicht auf das anstehende Abendessen?

Den Abend verbrachten wir nämlich in einem kleinen Gasthaus, in dem wir schon in der Nacht von Freitag auf Samstag geschlafen hatten. Nach einem guten und reichhaltigen Abendessen (der Wirt ist ebenfalls ein begeisterter Taucher und weiß aus eigener „Erfahrung“, wie er selbst immer wieder betont, was Taucher nach einem langen Tag auf See brachen...) fachsimpelten wir noch in der gemütlich eingerichteten Gaststube.

Das Wetter am Sonntag morgen zeigte sich noch mal  von seiner schlechtesten Seite. Der Wind hatte zugelegt und die meisten Teilnehmer an der TSC-Kutterfahrt reisten ohne einen weiteren Tauchgang in der nahen Ostsee zu machen ab. Nur Heike und Fred wagten noch einen Versuch und ließen sich vom Wirt einen Tauchplatz in der Nähe des Gasthauses zeigen, während sich der Rest derweilen auf den Weg zurück nach Hause machte.

Aus meiner Sicht, war dies eine gelungene erste Kutterfahrt des TSC-Bremen. Hierbei ist insbesondere unser zweiter Vorsitzender, Fred Jackisch, hervorzuheben, der die Fahrt „im Alleingang“ organisiert hat! Und hierin waren wir uns einig: dies wird nicht die letzte Kutterfahrt des TSC-Bremen gewesen sein!